Der Handel in Stolzenau ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage. Er ist auch eine stadtsoziologische Frage: Wo Menschen einkaufen, begegnen sie einander, erledigen Alltagswege, nehmen ihren Ort wahr und erleben, ob ein Zentrum lebendig, erreichbar und zukunftsfähig ist. Deshalb betrifft die Diskussion um Rossmann, Magro/M-Line, den Ortskern und Stolzenau-West weit mehr als einzelne Verkaufsflächen oder Bebauungspläne. – Ohne ein Ortszentrum fehlt die Identifikation mit dem Ort.
Aus der Bevölkerung wurde im Rat deutlich die Sorge geäußert, dass wichtige Einzelhandelsangebote wie Rossmann und Magro/M-Line Stolzenau verlassen könnten. Diese Sorge sollte ernst genommen werden, denn Nahversorgung ist ein wesentlicher Bestandteil sozialer Teilhabe. Gerade ältere Menschen, Familien, Jugendliche und Menschen ohne Auto sind darauf angewiesen, dass Waren des täglichen Bedarfs im Ort erreichbar bleiben.
Gleichzeitig verfolgt die Gemeinde das Ziel, den Ortskern zu stärken. Die Verwaltung hat erläutert, dass die städtebauliche Entwicklung Stolzenaus mehrheitlich auf den Ortskern ausgerichtet werden soll und dass der Status quo planungsrechtlich abgesichert werden soll. Aus stadtsoziologischer Sicht ist dieser Ansatz nachvollziehbar: Ein lebendiger Ortskern ist mehr als eine Ansammlung von Geschäften. Er ist Treffpunkt, Identifikationsort und öffentlicher Raum. Wenn der Ortskern an Frequenz verliert, verliert ein Ort oft auch an sozialer Mitte und die Bürgerinnen und Bürger, insbesondere die neu hinzugezogenen, identifizieren sich nicht mit der Gemeinde.
Dennoch darf die Stärkung des Ortskerns nicht allein über Standortzwang gedacht werden. Stadtentwicklung funktioniert nur dann nachhaltig, wenn sie soziale Bedürfnisse, wirtschaftliche Realitäten und räumliche Möglichkeiten zusammenführt. Wenn ein Unternehmen wie Rossmann andere Flächenbedarfe benennt, muss dies in die Abwägung einbezogen werden. Bei REWE steht eine Fläche von 550 Quadratmetern zur Verfügung. Rossmann braucht aber 750 Quadratmeter. Eine realistische Lösung muss also sowohl die städtebauliche Zielsetzung als auch die betrieblichen Anforderungen berücksichtigen.
Aus meiner Sicht darf die Debatte deshalb nicht auf die einfache Gegenüberstellung „Ortskern oder Stolzenau-West“ reduziert werden. Entscheidend ist die Frage: Wie bleibt Stolzenau als Ganzes ein attraktiver, sozial erreichbarer und wirtschaftlich tragfähiger Einkaufsort?
Dazu gehört erstens, den Ortskern gezielt zu stärken: durch attraktive Wegebeziehungen, Aufenthaltsqualität, Parkmöglichkeiten, Barrierefreiheit, ergänzende Nutzungen und eine klare Idee davon, wie Menschen den Ortskern im Alltag nutzen sollen. Ein Ortskern wird nicht allein dadurch lebendig, dass ein bestimmter Betrieb dort angesiedelt werden soll. Er wird lebendig, wenn Menschen Gründe haben, sich dort aufzuhalten.
Zweitens gehört dazu, bestehende Kaufkraft im Ort zu halten. Wenn wichtige Anbieter abwandern, entstehen Versorgungslücken. Diese treffen nicht alle Menschen gleich. Wer mobil ist, kann ausweichen. Wer auf kurze Wege angewiesen ist, verliert Lebensqualität. Genau hier zeigt sich die soziale Dimension von Handelspolitik.
Drittens braucht Stolzenau einen Dialog, der Vertrauen schafft. Die Diskussion um Rossmann hat gezeigt, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich eine pragmatische Lösung wünschen. Im Ratsprotokoll wird beschrieben, dass aus der Bevölkerung gefragt wurde, wie verhindert werden könne, dass Rossmann und Magro/M-Line aus Stolzenau weggehen. Diese Frage ist berechtigt und sollte im Mittelpunkt stehen.
Mein Ziel ist deshalb klar: Rossmann und Magro/M-Line in Stolzenau halten. Da keine passende Fläche im Ortskern zur Verfügung steht, werden die Unternehmen selbst entscheiden, wo sich Rossmann und Magro/M-Line ansiedeln.
Aus stadtsoziologischer Sicht gilt: Handel schafft Alltag, Begegnung und Identifikation.